Kyoto • Ashai-Bier und Häschen

Der buddhistische Kurodani-Tempel wurde 1175 gegründet, brannte mehrfach nieder, wurde aber immer wieder aufgebaut. Nun begrüßt mich das mächtige Eingangstor des Tempels. Es sieht aus wie aus einem Samuraifilm. Dahinter erhebt sich die Treppe hinauf auf den Tempelberg. Der Kurodani-Tempel wird selten in Reiseführern erwähnt. Es ist ein Tempel, der keine Touristenmassen und auch keine Eintrittsgebühr kennt. Schon als ich durch das Tor trete, fällt mir die Beschaulichkeit und  Ruhe auf, die hier herrscht. An der großen Treppe hinauf zum Tempel steht ein Schild, dass darum bittet in der Umgebung der Tempelgebäude nicht zu fotografieren. Ich werde mich daran halten und packe meinen Fotoapparat in den Rucksack.

Niemand steigt mit mir die Treppe hinauf. Oben im Tempelhof befindet sich ein Mann, der eine Wortlitanei singt und sich dabei vor einem der Tempelgebäude verbeugt. Ich setzte mich auf eine Bank und höre ihm zu, lasse die herrlich beruhigende Stimmung auf mich wirken. Dann steige ich die wenigen Stufen zur Haupthalle hinauf, wo die Statue des Klostergründers Honen thront. Zwei junge Priesterschüler in safranfarbenen Gewändern wachen über den kleinen Laden im Tempel und unterhalten sich leise. Plötzlich dröhnt ein Gong durch die Stille. Die beiden springen auf und greifen nach ihren Sutratrommeln und Schlagstöcken. Aus einem anderen Gebäude des Tempels dringt Gesang und die beiden jungen Mönche versuchen auf ihren kleinen Handtrommeln den Takt dazu zu schlagen. Dass sie noch ein bisschen üben müssen, steht nach zwei Minuten für mich außer Frage. Vielleicht versuchen sie auch deshalb erst einmal außerhalb der Gebetshalle den richtigen Taktschlag zu finden.

Begleitet von Gebetsgesang und dem Bemühen der beiden junge Mönche den Takt zu halten, steige ich zum Friedhof hinter der Tempel hinauf. Hier befinden sich von grauen und weißen Flechten überzogene Stelen. Alte Grabsteine mischen sich mit neuen. Hölzerne, längliche Gebetstafeln ruhen über Gräbern und an einigen finde ich Geschenke an die Toten. Einer der hier Begrabenen muss wohl ein Liebhaber von Grüntee und Ashai-Bier gewesen sein, denn an seinem Grab reihen sich die Flaschen und Dosen fein säuberlich aneinander.
Als der Gebetsgesang schließlich verstummt, klingt von anderer Stelle eine Liternei zu mir herauf. Doch diesmal liegt der Ursprung des Gesangs in einem Begräbnis in einem anderen Teil des Friedhofs. Ich fotografiere noch das rote Eingangstor des Friedhofs, dann verlasse ich diesen beschaulichen Ort, aber nicht ohne den Laden an der Ecke zu bestaunen, der Grabsteine für Menschen und anscheinend auch für Tiere präsentiert. Hello Kitty und Mickey Mouse winken in Marmor gehauen durch die Ladenscheiben.

Ich spaziere die kleine Straße hinunter, die ich gekommen bin und biege um die Ecke. Nun bin ich gespannt, ob ich den Okazaki-Schrein finde, den ich bei Internetrecherchen entdeckt habe. Zuerst verirre ich mich auf dem Gelände eines anderen Tempels , merke aber sehr schnell, dass ich hier falsch bin. Das Wappen des Okazaki-Schreins ist nämlich ein Hase. Der japanische Volksglaube kennt anstatt dem Mann in Mond den Hasen im Mond und ebenso den Hasen als schlitzohrigen Schwindler. Er ist eines der chinesischen Tierkreizeichen, die auch in Japan gelten. Im Shinto steht der Hase für Fruchtbarkeit, Geburt und Glück. Und deshalb wird in solchen Schreinen gerne geheiratet. Als ich den Schrein betrete, befinde ich mich plötzlich mitten in einer Hochzeitsgesellschaft, deren Ziel die Haupthalle des Schreins ist. Den Fotoapparat stecke ich wieder weg, denn hinter mir wird eine Frau im Rollstuhl geschoben. Ich helfe zuerst dabei den Rollstuhl über die kleinen Stufen hinauf zum Schrein zu befördern und lasse die Hochzeitsgesellschaft danach ganz passieren. Sie alle ziehen ihren Sandalen aus und so kann ich ein Bild von der exklusiven Fussbekleidung machen, die Japaner zu solchen Anlässen tragen, als sich die Hochzeitsgesellschaft in die von außen nicht einsehbare Haupthalle zurückgezogen hat.

Während innerhalb des Schreins der Priester das Paar vermählt, habe ich den Tempelvorplatz für mich alleine. Ich mache ein paar Fotos, auch vom Tanzpodium, auf dessen Geländer viele kleine Gipshasen in Reih und Glied stehen. Sie sind vielleicht der Dank für eine leichte Geburt oder die Erfüllung eines Kinderwunsches. Als ich das Tempelgelände verlasse, erinnere ich mich daran, was ich zusätzlich zu diesem Tempel gelesen habe: Schwule Japaner hatten sich vor Jahren beklagt, dass es speziell für ihre Angelegenheiten keinen Tempel oder Schrein gäbe. Die Kami (Götter) des Okazaki-Schreins müssen die Klagen gehört haben, denn nun ist dieser Schrein auch die religiöse Anlaufstelle für die Homosexuellen Japans.

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