Kyoto • Fushimi Inari

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Die Sonne steht eine Handbreit über dem Horizont des Abendhimmels, als ich die Rampe zum Fushimi Inari Schrein hinauflaufe. Dieser Schrein, das vermutliche Gründungsdatum ist 711 vor Christus, ist bekannt für seine aneinandergereihten, roten Toritunnel. Die einzelnen Tori werden von Unternehmen und Privatpersonen gespendet, in der Hoffnung auf erfolgreiche Geschäfte. Der Fushimi Inari ist einer der ältesten und bekanntesten Schreine Kyoto, dem Kami (Gott) Inari geweiht und Hauptschrein eines Drittels der Schreine in Japan. Der Gott Inari setzt sich aus drei Gottheiten zusammen. Auf dem Schreinberg verteilt haben deshalb die drei Gottheiten ihre eigenen Schreine. Die Nebenschreine von zwei zusätzlichen Gottheiten finden sich ebenfalls auf dem Schreingelände.

Mich empfängt am Ende eines Anstiegs das Eingangstor, vor dem die Wächterfüchse des Schreins einander gegenübersitzten, in ihren Schnauzen Schlüssel und Juwel. Die Wächterfüchse des inneren Schreins tragen auch schon mal eine Schriftrolle oder ein Reisbüschel in ihren Mäulern. Es geht stetig an Schreinen vorbei bergauf, bis man an den bekannten Toritunneln angelangt ist. Nun muss man sich entscheiden, ob man den rechten oder den linken Tunnel nimmt. Ich beobachte eine Weile, welchen Tunnel die meisten Leute wählen. Es ist der rechte. Egal, durch welchen Tunnel man geht, beide enden an Wegen, die den Berg hinaufführen, durch weitere Toritunnel in den Wald hinein. Am Wegesrand steht an einer Kreuzung ein uralter Schrein, verwittert, moosbewachsen, mit Steinen, die heilige Seile tragen, Tori, deren man das Alter ansieht. Selbst das Schellenseil, an dem man zieht, um die Götter auf sich aufmerksam zu machen, schwingt vergilbt im Wind.

Ein kleiner Pfad führt von hier ins nirgendwo. Folgt man ihm, so findet man sich nach fünf Minuten in einem Hain mit Riesenbambus wieder. Die langen eleganten Halme schwingen knarrend im Wind und die herunter gefallenen verdorrten Blätter knirschen unter den Füßen. Der Hain ist so dicht, dass die Bambusstangen der letzten Jahre, gestützt durch die diesjährigen Austriebe, immer noch aufrecht stehen. Manche sind aber umgefallen und zeichnen bunte Farblinien in das Gewirr aus Licht und Bambus. Ich laufe zurück, passiere den alten Schrein und folge den Tori hinauf auf den Berg. Allmählich beginnt es dunkel zu werden. Die Laternen des Tempelberges fangen an zu glühen, manche flackern oder geben ein tiefes Brummen von sich, ganz so, als würden sie ein Eigenleben führen. Ihr Licht malt Säulenmuster in die Toritunnel. Außerhalb der roten Galerie versinkt die Welt ins Nichts, während sich der Toriweg wie eine Lebensader aus gelbem Laternenlicht und Rot den Hang hinauf windet.

Schließlich teilt sich der Weg in zwei Treppen. Ich zweige vom Hauptweg ab und stolpere vermoosten, enge Stufen hinauf in ein in schwummriges Laternenlicht getauchtes, unwirkliches Wirrwarr aus von Flechten überzogenen Schreinen und vermodernden Tori. Von irgendwo her höre ich einen Angstschrei und hastige Schritte. Dann noch einen Schrei und bevor mir die Angst wie eine Ameise über den Rücken kriecht, tauchen zwei Mädchen aus der Dunkelheit auf, rennen auf mich zu, mit einem »Please help!« an mir vorbei und bleiben schließlich hinter mir stehen, als wäre ich ein Schutzwall. Schatten huschen über den Weg und die beiden Mädchen schreien erneut. Zwei helle, schlitzförmige Augen starren aus der Nacht zu mir herüber. Im Lampenlicht sehe ich noch ein Augenpaar aufblitzen. Die Mädchen hinter mir murmeln verängstigt etwas von »the ghosts and demons of the temple mountain« (die Geister und Dämonen des Tempelberges), als einer der schlitzäugigen Schatten ins Licht tabt. Dann sind es zwei, drei, vier. Sie recken die Schwänze kerzengerade in die Luft, schnurren, maunzen, ehe sie wie ein Spuk wieder ins Dickicht verschwinden.

»These are only cats«, erkläre ich den Mädchen. »Don´t be afraid.« (Das sind nur Katzen. Ihr braucht keine Angst zu haben.)

Die Mädchen nicken halbherzig, erleichtert wirken sie nicht. Eine der beiden flüstern noch, als sie die Stufen zum Hauptweg hinunter flüchten: »Maybe, they are shapeshifters«. (Vielleicht sind sie Formwandler.)

Hm, die Wächterfüchse des Tempelberges können nach dem Volksglauben wirklich die Gestalt wechseln und sind außerdem für ihren Hang zum Schabernack bekannt. Vielleicht habe ich sie gerade getroffen und vielleicht waren es die beiden Mädchen. 🙂

Nachdem ich noch einige Bilder gemacht habe, packe ich meine Fotoausrüstung zusammen und mache mich auf den Rückweg ins Hotel.

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