Kyoto • Gold und Silber

Wer die Tempel Kyotos besucht, dem wird auf seinem Weg wahrscheinlich Gold und Silber begegnen. Die meisten Touristenbusse halten am Kinkaku-ji, dem goldenen Pavillon-Tempel.

Diese Anlage ist für ihre Reliquienhalle bekannt, deren Obergeschoss vollständig mit Blattgold überzogen ist. Das Gebäude steht an einem Teich, in dem Sumpfiris wachsen und dessen Ufer mit sorgfältig gezogenen Kiefern umrahmt ist. Jetzt bräuchte es nur noch ein Stück blauen Himmels und gefühlt dreihundert Touristen weniger und die Idylle wäre perfekt. Leider regnet es am Tag der Besichtigung und ein Bild am See mit pittoresker, golden schimmernder Tempelhalle im Hintergrund scheint der Traum aller Touristen zu sein, die mit mir am Aussichtspunkt am See stehen. Um dem Trubel zu entkommen, suche ich mir eine andere Stelle, um die Halle zu betrachten, die auf fast jeder Postkarte von Kyoto abgebildet ist.

Sie ist Teil einer größeren zenbuddhistischen Tempelanlage, die eine wechselvolle Geschichte erlebt hat. Die Gebäude brannten mehrfach nieder, wobei die Reliquienhalle über die Jahrhunderte immer wieder den Bränden entkam. Es brauchte einen Mönch, der 1950 die Schönheit der Halle nicht ertragen konnte, um sie in Flammen aufgehen zu lassen. 1955 gelang es, den »Goldenen Pavillons« zu rekonstruieren. 1987 wurde die Goldplattierungen des Replikts erneuert und 1994 wurde der Pavillon schließlich zum UNSECO Weltkulturerbe erklärt.

Lässt man sich in dem unablässigen Besucherstrom treiben, dann wird man den Berg hinaufgeschoben, passiert einen Shinto Schrein, der alle möglichen Devotionalen verkauft, ehe man bergabwärts in einen Bereich mit Touristennippes gespült wird.

Etwas ruhiger geht es am Ginkaku-ji, dem Silberner Pavillon zu. Die viel kleinere Anlage würde den Besucheransturm des großen goldenen Bruders auch gar nicht verkraften. Tatsächlich hängen beide Anlagen durch ihre Erbauer miteinander zusammen. Der Silberpavillon wurde 1482 von Shōgun Ashikaga Yoshimasa erbaut. Er gab seinem Altersruhesitz den Namen Ginkaku-ji »Silberner Pavillon« in Anlehnung an den von Yoshimasas Großvater erbauten Kinkaku-ji »Goldener Pavillon«. Ashikaga Yoshimasa legte alle Regierungsämter nieder und widmete sich fortan zusammen mit dem buddhistischen Abt Shogu dem künstlerischen Leben, wo sie in den Räumen des Ginkaku-ji die Grundzüge des japanischen Teerituals entwickelten. Sie normten beispielsweise die Größe des Teezimmers auf vier und eine halbe Tatamimatte, ungefähr drei mal drei Meter. Bis heute wird der Abt Shogu als Vater der Teezeremonie angesehen.

Der Garten, der die Häuser umgibt, entstand in der Edozeit. Man spaziert an der gerechten aus Sand geformten See aus Silbersand und der kegelförmigen Mondbetrachtungsplattform vorbei, bewundert die blühenden Azaleen im Moosgarten und steigt die mit einem Bambusgeländer gesicherte Treppe hinauf, um oben auf dem Hügel über das Tempelgelände und die Häuser an den Waldhängen gegenüber zu blicken. Und wäre man nicht von Schülern auf Klassenfahrt und Handys an Teleskopstöcken umringt, würde man sich in die Zeit vor über fünfhundert Jahren zurückversetzt fühlen, in der zwei ältere Herren durch den Garten spazierten, zum ersten Mal über das Teeritual nachdachten und dabei vielleicht den Mond bewunderten, denn es gibt noch eine andere Theorie, wie der Silberpavillon zu seinem Namen kam. In früheren Zeiten waren die Außenwände der Häuser mit schwarzem Lack überzogen. Mondlicht, das auf dieser Oberfläche silbern reflektierte, könnte dem Tempel seinen Namen gegeben haben.

 

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