Kyoto • Geishas, Kitsch und Kiyomizu

 

Ich hätte mir für diesen Tag blauen Himmel gewünscht. Leider liegt aber eine Wolkendecke aus Hochnebel über Kyoto. Alles wird in einem seltsamen Licht gebadet. Da muss ein Stimmungsaufheller her. Ich finde ihn in Form von Matetee-Eis. Das habe ich schon in Kanazwa geschleckt, aber hier in Kyoto habe ich es fotografiert, nachdem ich es im Gewusel der Einkaufstraße des Kiyomizu-Tempel gekauft habe. Will ich nicht geschubst werden oder mein Eis auf die Kleider von jemand anderem verteilen, kann ich mich nur an den Straßenrand retten und dort mein Eis verspeisen. Touristen und japanische Schüler auf Klassenfahrt drängen durch die Gasse. In den Läden rechts und links gibt es alles, was das Schüler- und Touristenherz und der Magen zu begehren scheint. Viele Auslagen, wie die sorgsam angeordneten Fächer, sind mit Fotoverbot versehen, aber niemand hält sich daran. In dem betriebsamen Ameisenhaufen aus Kommerz und Amusement fällt mir ein Laden auf, der einzig der Winkekatze gewidmet ist. Diese Katzen findet man in allen Farben und Formen überall in Japan. Einer ihrer Arme ist beweglich und zum Winken nach oben gesteckt. Die Winkebewegung dieses Arms soll dem Besitzer der Katze das Glück und Geld ins Haus schaufeln. Bei den Preisen im Schaufenster glaube ich aber eher, dass das Geld dem Verkäufer ins Haus geschaufelt wird. Dann mache ich mal ein Foto von alle den Katzen, die da winken. Vielleicht wirkt diese »Sparversion« des Besitzens ja auch schon. 🙂

In einem Hof üben Mädchen das Trippeln auf Holzsandalen, ehe sie sich in ihrer gemieteten Geisha-Outfit kichernd in die Hektik vor dem Tor wagen. Sie zahlen für die Illusion eine Geisha zu sein je nach gebuchten Paket von 3000 bis 16000 Yen (23 Euro – 121 Euro). Lächelnd und geschmeichelt posieren sie für jeden Touristen mit Kamera, der höflich fragt mitten im Getümmel der Einkaufsstraße.

Treppen führen von hier aus hinauf zum Kiyomizu-Tempel, einem der populärsten Pilgerziele in Kyoto. 798 nach Christus gegründet und der Kannon Bodhisattva, der Göttin der Barmherzigkeit geweiht, entstanden eine Haupthalle, einige kleinere Hallen und Pagoden an dem Berghang. Die Gebäude, die man heute noch bewundern kann, wurden 1633 errichtet.

Die mächtige Haupthalle thront auf dreizehn Metern hohen Pfeilern am Hang. Die japanische Redewendung »die Terrasse des Kiyomizu hinunterspringen« bedeutet »sich zu einem Entschluss durchringen«. Man glaubte in der Edozeit, dass demjenigen, der den Sprung von der Terrasse wagte, alle Wünsche erfüllt werden. Zweihundervierunddreißig Springer wurden in der Edo-Periode dokumentiert und davon überlebten über fünfundachtzig Prozent den Sprung, vermutlich, weil die üppige Vegetation unterhalb der Terrasse den Sturz abdämpfte. Heute ist es jedoch verboten, seine Wünsche auf diese Weise erfüllbar zu machen.

Berühmt ist die Terrasse der Haupthalle auch für ihren schönen Ausblick auf Kyoto während des Sonnenuntergangs und für ihr Nachtbeleuchtung.

Als ich das Gelände betrete, fallen mir die Schulklassen auf, die auf der Treppe vor dem Nio-Mon-Tor artig auf den Stufen stehen, um sich für ein Erinnerungsfoto aufnehmen zu lassen. Der Menschenstrom schwappt hinauf zur frisch renovierten dreistöckigen Pagode, die in Orange, Weiß, Grün und Gelb prangt: Eine Farbkontrast-Orgie, die ein gutes Fotomotiv hermacht. Auf der Terasse der Haupthalle drängen sich die Menschen vor dem Altar der Kannon Bodhisattva. Zwar hält ein gewaltiges geflochtenes Seil eine Eisenlaterne, es ist aber so dunkel dass man kaum etwas von der Kannonstatue sieht. Selbst Blitzlichter anderer Fotografen können das Dunkel um die Statue nicht erhellen. So begnügen sich die Bittsteller nur mit der Vorstellung, dass Kannon über sie wacht und verbeugen sich eifrig vor dem Altar.

An die Balustrade der Haupthalle gelehnt, machen zwei Mädchen in hübschen Kimonos mit einem Handystick ein Selfie. Ob ihnen bewusst ist, dass sie dies mit der Pagode der Geburt als Hintergrund tun?

Der Tempel beherbergt auch den Schrein des Liebesgottes. Dort befinden sich zwei Steine, die achtzehn Meter von einander entfernt liegen. Man glaubt, dass Menschen, die mit geschlossenen Augen den Weg vom einen Stein zum anderen finden, sich bald verlieben werden. Besonders gerne probieren das japanischen Schülerinnen aus. Wenn der Person geholfen wird, die das tut, bedeutet das, dass ein Vermittler die Liebenden zusammenbringt. Schon auf der Treppe zum Schrein staut sich eine ganze Schule, um das Liebesglück zu testen. Ich lasse deshalb den Selbstversuch und ein Foto der Örtlichkeit außen vor und arbeite ich zum Wasserfall vor, dem der Tempel seinen Namen verdankt. Kiyomizu-dera heißt Tempel des reinen Wassers. Eine breite Treppe führt hinunter zum Otowa-no-taki-Wasserfall, der in drei Kanäle gefasst ist. Jedem der drei Kanäle ist eine glückbringende Bedeutung zugewiesen: Gesundheit, langes Leben und Erfolg. Besucher fangen die dünnen Wasserstrahlen mit Metallbechern an langen Holzstangen ab, um aus dem Bechern zu trinken. Jedoch müssen sie sich auf zwei Wasserstrahlen beschränken. Obwohl die Wahl schwer fällt, herrscht auch hier reger Andrang. Fröhliches Gelächter begleitet das Wasserschöpfen. Fotoapparate klicken und diejenigen, die die Zeremonie bereits hinter sich haben, kommentieren die Wahl ihrer Freunde und Bekannten mit gutmütigen Kommentaren oder Anfeuerungsrufen.

Ein abschließender Spaziergang führt an den mächtigen Pfosten der Haupthalle und an blühenden Azaleenbüschen vorbei, hinunter zum Ausgang, wo bereits die nächste Schulklasse für das Erinnerungsfoto die Stufen vor dem Nio-Mon-Tor erklimmt.

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