Kyoto • Grüner Zen

»Ich lerne nur (um) zufrieden zu sein«. Dieser doppeldeutige Satz steht in vier japanischen Schriftzeichen auf einem unscheinbaren Brunnen des Ryōan-ji, dem Tempel, der über die Grenzen Japans hinaus durch seinen minimalistischen Zen-Steingarten Berühmtheit erlangt hat. Wenn sich die Eingangstore für Besucher schließen, sitzen im Tempel des friedlichen Drachens die Mönche und üben sich in der Erleuchtung, indem sie vor der sorgfältig gerechten Kieselfläche mit fünfzehn kleinen Felsen meditieren. Ihre Meditation dreht sich vielleicht um einen Koan, einer paradox scheinenden Frage, wie »Zwei Hände klatschen. Es gibt einen Ton. Was ist der Ton einer Hand?«

Die Steine des Zengarten wiederzuspiegeln wohl solche paradoxen Fragen. Sie scheinen zufällig platziert zu sein, jedoch aus keinem Blickwinkel kann man alle fünfzehn sehen. Man sagt, dass nur die Erleuchteten das könnten.

Dicht gedrängt sitzen jetzt Touristen nur mit Socken an den Füßen auf der Tempel-Terrasse, lassen entspannt die Beine baumeln und versuchen selber alle fünfzehn Steine zu sehen. Kameras klicken, Handys werden für ein Bild gezückt, manche telefonieren, lachend unterhält sich eine Reisegruppe und andere sitzen da und studieren ihren Reiseführer. Dort kann man nachlesen, dass der Tempel 1450 erbaut wurde und heute zur größten Schule des Rinzai-Zen gehört.

Es stellt sich die Frage, ob in diesem Trubel jemals Erleuchtung gelingen könnte und da erinnere ich mich an den Mönch in Tokyo, der in der Monotonie der lärmenden Ginza seine Opferschale vor sich hertrug und dabei meditierend auf und ab lief.

Ich mache ein paar Fotos und versuche dem Gewimmel zu entkommen, hinaus auf die Alleen des Tempelgeländes. Sie sind mit verschiedenfarbigen und unterschiedlich großen Steinen gepflastert, die das Gehen zur Konzentrationsübung machen. Wahrscheinlich ist das beabsichtigt, denn die Achtsamkeit spielt im Zen eine wichtige Rolle.

Je weiter ich mich von den fünfzehn Felsen entferne, desto mehr wird der Tempel seinem Namen, Tempel des friedlichen Drachen, gerecht: Ein Moosgarten schimmert in sattem Grün am Wegesrand, gepflasterte schmale Pfade führen in kleine Gärten und überall beschatten Ahornbäume den Weg. Ist das frische Grün schon jetzt im Mai beeindruckend, muss im Herbst hier ein Feuerwerk aus Blattfärbung stattfinden. Ich atme tief ein, genieße die feuchte Luft und den leichten Nieselregen, entferne mich immer weiter vom Trubel der fünfzehn Steine und wandere am Tempelteich entlang. Hier am Teich soll schon im 10. Jahrhundert eine Tempelgründung stattgefunden haben. Die Seerosen blühen und drüben am anderen Ufer schält sich ein Tempeldach aus dem Baummeer. Ich umrunde den See und entdeckt den Zugang zu einer kleinen Insel. Ein kleine Brücke führt zu einem schmucklosen, einfachen Schrein, der der Gottheit Benzaiten, der Himmelsgöttin der Beredsamkeit, gewidmet ist. Im Gebüsch raschelt es und ich entdecke einen fleißigen Gärtner, der hier Bäume ausschneidet. Ich grüße höflich und er winkt zurück. Mich beschleicht das Gefühl, dass ich eben den Ton einer Hand gehört und gesehen habe, gleichzeitig aber erinnert mich seine Geste daran, dass wahrscheinlich die Reisegruppe am Tempelausgang wartet, wo man Touristennippes, religiöse Mitbringsel und Eis kaufen kann. Schweren Herzens verlasse ich die Insel und trabe zurück ins Kyotogewühl.

 

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