Nara • Stadt der Hirsche

Heute geht es von Osaka aus mit dem Zug nach Nara. Die Stadt war von 710 bis 784 nach Christus Japans Hauptstadt, ehe der Hofstaat nach Kyoto umzog.

Wir geraten mitten in die Rushhour Osakas. Die Menschen stehen diszipliniert in Reihen auf dem Bahnsteig und warten auf die Züge , die im Minutentakt einfahren.

Trotz Rushhour haben wir einen Sitzplatz im Zug, weil wir eine Station, der Endstation, zurückgefahren sind, wo alle austeigen, um zur Arbeit zu kommen. Auf dem Bahnsteig gegenüber fährt dann ein völlig leerer Zug vor, wo wir uns unsere Sitzplätze aussuchen können.

Ich betrachte die Reklame auf dem Bahnsteig. Sie wirbt für die Aufführungen einer in Japan äußerst beliebten Musical-Schauspieltruppe, die nur aus Frauen besteht, der Takarazuka Revue.

Langsam nimmt der Zug Richtung Nara ruckelnd Fahrt auf. Schon an der nächsten Station, unserer Ursprungsstation, schwappt eine Tsunami von Japanern in den Zug und mit jeder Station zwängen sich noch ein paar mehr Menschen ins Abteil. Einige sind sogar fähig in diesem Gedränge noch lesen oder stehend, von anderen abgestützt, zu schlafen. Es wird heiß und stickig, aber ein paar Stationen weiter bricht sich die Woge der Aussteigenden auf dem Bahnsteig und ergießt sich in die Ausgänge der Station. Plötzlich herrscht im Zug wieder angenehme Leere. Der Schaffner läuft durch den Wagen und führt dabei ein Ritual durch, das ich schon öfter gesehen habe: Wenn er die Tür zum hinter ihm liegenden Abteil geschlossen hat, verbeugt er sich vor den Passagieren des Wagons, der vor ihm liegt. Hat er den Wagen passiert, dreht er sich um, verbeugt sich wieder und schließt die Tür. Im nächsten Wagen werden die Verbeugungen wiederholt. Wow, soviel Ehrbezeugung vor den Fahrgästen würde ich mir mal von einem deutschen Zugschaffner wünschen!

Der Zug fährt jetzt aufwärts. Manchmal ist zwischen den vorbeiflitzenden Häusern die Skyline von Osaka zu sehen. Doch bald fährt der Zug über eine flache, grüne Hochebene und wir erreichen Nara.

Von der Bahnstation aus werden wir heute drei Tempel erwandern: den Todaiji Tempel, danach folgt der Kasuga Taisha Schrein und dann der Kofukuji Tempel.

Auf dem Weg zum Todaiji Tempel kreuzen schon die ersten Hirsche die Straße, die als Götterboten gelten. Heutzutage gibt es überall am Weg Hirschfutter in Form von Keksen zu kaufen, wovon die Touristen und zahlreichen Schulklassen, die heute einen Ausflug nach Nara machen, Gebrauch machen. Je weiter wir uns dem Todaiji Tempel nähern, desto mehr Schulklassen und Kindergartengruppen müssen wir umschiffen. Manchmal werden wir von Schülern um ein kurzes Interview gebeten. Sie lesen dann von einem Blatt eine englische Frage ab. Woher man kommt, was der Lieblingsort in Japan ist und was man in Japan am liebsten isst? Als Belohnung für mein Interview erhalte ich ein Buchzeichen, das die Schüler selber gebastelt haben und einen Zettel, auf dem sich die Lehrerin, die beim Interview assistiert hat, bedankt. Ich darf sogar meine Interviewschüler fotografieren, nachdem die Lehrerin zugestimmt hat.

Und dann stehe ich vor dem Todaiji Tempel, für den die Reiseleiterin etwa 50 Minuten veranschlagt hat. Der Tempel gilt als größtes Holzgebäude der Welt. Die Ausmaße sind so riesig, dass die Menschenmassen, die in diese große Holzhalle strömen wie Stecknadelköpfe wirken. Alle bleiben sie an der Türschwelle stehe, um den Berg von einem Buddha zu bewundern, der auf die Besucher herabblickt. Er wird von zwei weiteren Boddhisvana flankiert und wenn man um sie herumgeht, kann man im hinteren Teil den Kindergartengruppen zusehen, wie sie gerade einzeln durch ein schmales Loch in einem der tragenden Holzpfeiler der Halle kriechen. Wer durchpasst, dem soll ein langes Leben garantiert sein.

Allerdings sind mir grade zuviele Menschen im Tempel und ich beschieße meine Besichtigung abzubrechen und draußen am Treffpunkt etwas auszuspannen. Ich komme grade rechtzeitig, um zu beobachten, wie sich ein vorwitziger Hirsch, dem ein Hirschkeks verweigert wurde, das Papier schnappt, das aus der Jackentasche eines Schülers ragt. Es scheint gut zu schmecken, denn der Hirsch kaut eifrig darauf herum. Da ich direkt daneben stehe, erkenne ich, dass es einer der Interviewbogen ist, den die Kinder ausfüllen müssen. Der beklaute Schüler ist den Tränen nahe und traut sich nicht dem Götterboten seine Beute wieder abzunehmen. Aber ein beherzter Ruck meinerseits befördert das Papier aus dem Maul des Hirsches wieder in die Hand des Schülers, der immer noch sprachlos ist.

Schon fünf Minuten später ist der Rest der Truppe versammelt und es geht weiter Richtung Kasuga Taisha Schrein. Der Tempel ist einerseits für seine vielen Laternen im Inneren, als auch für die Laternenalleen um ihn herum bekannt. Leider findet heute eine Ausstellung dort statt, die Eintritt kostet und deshalb lassen wir die Besichtigung ausfallen und beschließen den Tag mit einem späten Mittagessen.

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